Ärztinnen und Ärzte

Sie als Ärztin oder Arzt gehören zu den Berufsgruppen im Hilfesystem, die häufig als eine der Ersten mit den Frauen und Mädchen, denen Gewalt widerfahren ist, in Kontakt kommen.

Ihre Reaktion ist deshalb von besonderer Bedeutung.

Die Art und Weise, wie Sie der Frau oder dem Mädchen begegnen, ist mitbestimmend für die weitere Verarbeitung der schwerwiegenden Erfahrungen, den weiteren Umgang mit der Gewaltsituation und die Annahme anderer Hilfsangebote.

Bereits im Wartezimmer ausgelegtes Informationsmaterial signalisiert der Patientin, dass bei Ihnen Kenntnis und Erfahrung im Umgang mit »Gewalt gegen Frauen und Mädchen« besteht. Ein solches niedrigschwelliges Informationsangebot kann Ihren Patientinnen den Schritt erleichtern, sich bei Gewalterfahrungen an entsprechende Beratungsstellen zu wenden.

Für viele Frauen und Mädchen ist es oft der einzige in der Partnerschaft tolerierte Weg nach draußen, der Arztbesuch wird erlaubt, ein Weg zu einer Beratungsstelle ist vielen zunächst weder vorstellbar, bekannt oder gar möglich.

Frauen und Mädchen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, sprechen häufig nicht von sich aus über die Hintergründe ihrer Verletzungen und Gesundheitsbeeinträchtigungen. Sie schweigen aus Schuld- und Schamgefühl, aus Angst vor dem Täter oder befürchten das Unverständnis oder die Ablehnung ihrer Umwelt.

Gewaltbetroffene Frauen schildern eher nicht das gesamte Ausmaß der Tatgeschehen.

Vermitteln Sie der Betroffenen, dass sehr vielen Frauen und Mädchen Gewalt widerfährt und sie sich weder schämen noch schuldig fühlen muss.

Meist ist eine Frau/ein Mädchen verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt und befindet sich in einem Netz von angedrohter und ausgeübter Gewalt gekoppelt mit Demütigungen und Herabsetzungen, die ihr Selbstbewusstsein systematisch demontierten. Frauen sind daher häufig nicht in der Lage, die Gewaltsituation zu verlassen.

Sie haben die Hoffnung, dass „alles wieder gut wird“ oder haben Angst vor dem Täter und fürchten noch mehr Gewalt. Die Befürchtung ist nicht ganz unbegründet, gelten doch Trennung und Trennungsabsicht als besondere Risikofaktoren für Gewalt, da es in dieser Zeit häufig entweder zum Beginn von Gewalt oder zur Steigerung von Gewalt kommt.