Sexuelle Grenzverletzungen in Arztpraxen

Presseerklärung der Landesarbeitsgemeinschaft der Frauennotrufe Rheinland Pfalz

Logo des Frauennotrufs Koblenz

In den zwölf Frauennotrufen in Rheinland-Pfalz werden Betroffene von sexualisierten Grenzverletzungen, Gewalt und Übergriffen beraten und unterstützt. Diese kommen in vielfältiger Form und in allen Kontexten vor. Besonders gravierend sind sie, wenn sie in vermeintlich geschützten Räumen auftreten, wie beispielsweise bei einem Arztbesuch.

Laut Fachzeitschriften wie dem Ärzteblatt kommt es immer wieder zu Fällen von Grenzverletzungen und Übergriffen durch Ärzt*innen. Hochrechnungen des Deutschen Ärzteblatts gehen in Deutschland von 165.000 Betroffenen jährlich aus. Das ist insofern besonders schwerwiegend, da ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Patient*in und Mediziner*in besteht. Zudem gehen Menschen mit dem Bedürfnis nach Heilung und Gesundheit zum Arzt und offenbaren private Details.
„Viele Betroffene schweigen aus Scham, Angst oder Unsicherheit“, wissen die Mitarbeiterinnen der Fachstellen.

„Da oft Aussage gegen Aussage steht, ist es außerdem schwierig, Übergriffe zu ahnden.“ Weiterhin besteht  Unklarheit, welche Handlungen für eine entsprechende Untersuchung tatsächlich notwendig sind.

Um in solchen Fällen Ansprechpartner*innen zu haben, die gegebenenfalls auch zwischen Mediziner*in und Patient*in vermitteln, gibt es mehrere Ansätze. Einer davon sind sogenannte Ombudsstellen, die es in einigen Bundesländern, so z.B. auch in Hessen gibt. Eingerichtet von der Landesärztekammer berät und unterstützt ein Arzt seit April 2013 als Ombudsmann Patient*innen, die von Übergriffen oder Missbrauch im Rahmen einer ärztlichen Behandlung betroffen sind. „Missbrauch in ärztlichen Behandlungen kann sehr unterschiedlich aussehen und liegt tendenziell immer dann vor, wenn der Arzt die Besonderheiten der Arzt-Patient-Beziehung, insbesondere die grundsätzlich unvermeidbare Abhängigkeit/Asymmetrie in dieser Beziehung zur Befriedigung eigener Bedürfnisse, seien sie finanzieller, emotionaler oder sexueller Art, benutzt,“ sagt Dr. Korte im hessischen Ärzteblatt 2016. Er beschreibt, dass vielen Ärzt*innen ein Gespür oder der Respekt für die Grenzen ihrer Patient*innen fehle.

Auch die Mitarbeiterinnen der zwölf rheinland-pfälzischen Fachstellen zum Thema Sexualisierte Gewalt wissen, dass Mediziner*innen oft nicht ausreichend für grenzachtenden Umgang sensibilisiert sind. „Vor allem Menschen, die schon früher von sexualisierter Gewalt betroffen waren, erleben einen Arztbesuch als sehr belastend, und nach außen harmlos wirkende Grenzverletzungen können bereits eine Re-Traumatisierung bei den Betroffenen zur Folge haben. Deshalb ist es wichtig, eine besondere Achtsamkeit und Vorsicht im Umgang mit den persönlichen Grenzen der Patient*innen zu wahren. Das gilt besonders dann, wenn die Art der Untersuchungssituation belastend ist, weil sie zum Beispiel mit Nacktheit verbunden ist.

So beschreibt die Betroffene Brigitte Mayer*, wie eine sexualisierte Grenzverletzung beim Proktologen einen Schock bei ihr ausgelöst hat. Außerdem schildert sie, wie schwierig es ist, sich nach einem solchen Vorfall die entsprechende Unterstützung zu holen: „Es gibt eine tiefe inneres Sperre bei den meisten Menschen, einen Arzt in Zusammen mit Missbrauch in Verbindung bringen zu wollen. Die meisten Menschen sind Patient und die Basis für eine Gesundung ist das Vertrauensverhältnis zum behandelten Arzt. Das Brechen dieses Tabus richtet großen Schaden an, am besonderen Vertrauensverhältnis zum Arzt und jedes einzelnen Menschen, der Patient ist. Und davor versuchen sich die meisten Menschen ganz unbewusst und daher automatisch zu schützen.“, sagt Mayer.
Das führe dazu, dass Übergriffe oft verharmlost oder betroffene Patient*innen nicht ernst genommen würden. Das macht die Situation für Betroffene jedoch noch viel belastender.

Die Fachstellen zum Thema sexualisierte Gewalt in RLP wollen hier sensibilisieren und dem Tabuthema mehr Aufmerksamkeit in Rheinland-Pfalz geben. Trotz der Unterstützungsangebote besteht mehr Bedarf für Stellen, die explizit auf sexualisierte Übergriffe, Grenzverletzungen und Missbrauch im Rahmen ärztlicher Behandlungen spezialisiert sind.

Die Betroffene Frau Mayer ruft auf: "Wenn Sie Beratung oder Unterstützung wünschen oder benötigen, haben Sie den Mut sich bei einer der Stellen zu melden. Mir hat es geholfen, im Frauennotruf darüber zu sprechen und mich zu klären."